Übersetzt aus dem Original auf Rumänisch.
Metallica kann man nicht studieren!
9. Februar 2006
Metallica kam in einem meiner Gespräche mit meiner Angetrauten zur Sprache, und von einem kam es zum anderen, bis ich meiner Freundin erzählte, wie meine Leidenschaft für Metallica und ihre Musik angefangen hat. Die Geschichte begeisterte die Gute derart, dass sie augenblicklich beschloss, ich hätte vor der Menschheit kein Recht, so eine Geschichte verlorengehen zu lassen, und sie nahm mir das Versprechen ab, sie aufzuschreiben und zu veröffentlichen. Also erzähle ich euch heute Abend, wie ich zum Die-hard-Metallica-Fan wurde.
Die Geschichte beginnt nicht früher und nicht später als 1991, in dem Jahr, in dem Metallica Metallica herausbrachte. Also das, was Kennern unter dem Namen „Black Album" bekannt ist.
Warum so spät... ich weiß es nicht. Metallica machte seit 1983 Musik, hatte schon vier großartige Alben herausgebracht, aber ich wusste nichts von ihnen. Diesmal kann ich die Schuld nicht (nur) dem Kommunismus geben: Es gab Leute, die auch zu Ceaușescus Zeiten in Rumänien Metallica hörten, aber ich hatte nie mit ihnen zu tun, und obwohl ich Musik im Allgemeinen mit aufrichtiger Leidenschaft liebte und mit meiner Kinderstimme „Un copac cu flori" oder „Dimineți cu ferestre deschise" sang, wo immer ich hinging... von Metallica hatte ich nie gehört.
Wie jeder normale Mensch mit zwei gesunden Augen in Rumänien hatte ich das Metallica-Logo natürlich schon gesehen, in allen möglichen Kohleschattierungen auf allen möglichen Mauern in allen möglichen Grauschattierungen, aber ich hätte nie vermutet, dass dieses Ding mit den Haken der Name einer Band ist.
Eher hätte ich geglaubt, es sei der Name einer Sekte, die mich entführt und in den Wald schleppt, um mir das Blut auszusaugen, wenn ich nach Einbruch der Dunkelheit noch Fußball spiele – so wie es den „bösen Kindern" passierte –, oder es sei der Name einer Fußball-, Hockey-, Rugby- oder sonstigen Macho-Sport-Mannschaft, oder der Name einer Bande frecher Kinder, die aus Räuber und Gendarm eine Lebensweise gemacht haben... aber es wäre mir nicht im Traum eingefallen, dass Metallica eine Rockband ist.
Es interessierte mich eigentlich nicht einmal, was dieses komplizierte Zeichen darstellen sollte. Ich sah keinen Sinn darin, Buchstaben zu verunstalten und schwer lesbar zu machen, ich verstand auch nicht, wie jemand so vergesslich sein kann, zu vergessen, dass er gerade ein L gezeichnet hat, und gleich daneben noch eins zu zeichnen, im selben Wort. Es störte mich sogar, dass manche nichts Besseres zu tun haben, als die Wände zu beschmieren und Haken zu malen, die sowieso keinen Sinn ergeben.
Ungefähr da stand ich. Ich sollte noch erwähnen, dass ich in der neunten Klasse war, dass in den Läden meiner Stadt die ersten Heimcomputer aufgetaucht waren – ein HC-85 kostete so um die elftausend Lei, glaube ich –, dass ich meine ersten BASIC-Programme schrieb und im Kopf, während ich die Straße entlangging, Algorithmen mit IF, THEN und GOTO baute, zur Verzweiflung meiner Eltern, die mich mit klopfendem Herzen zum Markt schickten, Kohl kaufen, und im tiefsten Inneren hofften, ich würde beim Überqueren der Straße auf die Autos achten, und die erleichtert aufatmeten, dass nichts passiert war, wenn ich eine Stunde später zum Fenster hinaufrief: „Papa, Papa, was sollte ich kaufen?"
Zwei, drei meiner damaligen Freunde hatten mehr Glück: Sie hatten einen HC-85 oder einen CIP zu Hause, die Einkäufe erledigten die Eltern, und sie saßen den ganzen Tag vor dem Fernseher, der sowieso nichts empfing, und spielten BRUCE LEE, ROAD RUNNER oder FLAG.
Ein paar Mal im Jahr ließ sich jemand erweichen, von mir oder von meinem Vater, und lieh uns für zwei, drei Tage einen Computer, „damit der Junge vom Herrn Ingenieur auch mal sieht, worum es geht, und ob es sich lohnt, sich selber einen zu kaufen". Oder vielleicht, weil das der letzte Trick war, der ihnen erlaubte, in Ruhe die Nachrichten zu schauen, und sie sogar froh waren, ihre Computer für ein paar Tage loszuwerden und ihre Gören zum Fußballspielen nach draußen zu schicken.
An einem dieser Tage hatte ich einen CIP und eine Kassette mit einem neuen Spiel „aufgetrieben", mit Raumschiffen – ich weiß nicht mehr, wie es hieß. Ich brannte darauf, es auszuprobieren, und alles, was mir noch fehlte, war ein Kassettenrekorder, von dem ich das Spiel laden konnte.
Mein Vater hasste Kassettenrekorder und Plattenspieler; wir hatten nie einen Kassettenrekorder, auch keinen Plattenspieler in der Familie. Mein Vater hatte ein Tonbandgerät und war stolz darauf, er fühlte sich überlegen. Er hatte nicht viel Musik, höchstens zehn Tonbänder, aber die waren sorgfältig sortiert, ausgewählt, aufgenommen, katalogisiert. Mein Vater mochte Deep Purple, und vor allem mochte er es, den Namen der Band auszusprechen. Er sprach ihn bei jeder Gelegenheit mit einem (übertrieben) starken amerikanischen Akzent aus, und er war entzückt, wenn es ihm gelang, ihn auszusprechen, während er nach einem kalten Bier paddelte, während wir durchs Haus tobten und glücklich lachten, weil Papa „einen sitzen hat" und das heißt, dass er zu Scherzen aufgelegt ist, alles gut ist und das Leben schön.
Aurora, meine Schwester, kannte die Bänder auswendig. Kaum war ein Lied zu Ende, summte Aurora schon den Anfang des nächsten. Sie verblüffte uns jahrelang mit ihrem musikalischen Gedächtnis. Ich konnte das nicht. Ich konnte im Sommer, wenn wir mit dem Auto aufs Land fuhren, aus dem Fenster schauen und meinem Vater, an den rückwärts laufenden Bäumen abgelesen, auf den Punkt genau sagen, wie schnell er fährt, ohne auch nur einen Blick auf den Tacho zu werfen. Das war meine Spezialität. Aber die Reihenfolge der Lieder konnte ich mir nicht merken. Aurora dagegen wusste genau, wann das Band zu Ende ging, und sagte mir rechtzeitig Bescheid, dass ich aufpassen und es umdrehen soll, damit wir nicht zu lange ohne Musik sind. Ohne Musik fühlten wir uns immer seltsam... als wären wir nicht bei uns zu Hause.
Einer der Freunde meines Vaters hatte einen Kassettenrekorder. Ich renne schnell zu ihm und teile ihm mit, dass ich seinen Kassettenrekorder DRIN-GEND und UN-BE-DINGT brauche, für eine halbe Stunde, nicht länger, damit ich besagtes Programm in den Computer laden kann, den ich die nächsten zwei, drei Tage angeschaltet lassen wollte. Voller Erfolg. Ich bekomme den Kassettenrekorder für zwei, drei Tage geliehen, einen Ghetto Blaster, größer als jeder Kassettenrekorder, den ich bis dahin gesehen hatte, ich renne mit ihm im Arm nach Hause, vorsichtig beim Treppensteigen, dass ich bloß nicht stolpere und auf ihn drauffalle, ich komme heil zu Hause an, hole die Kassette mit dem Spiel heraus, will sie in den Rekorder schieben und... hoppla: Im Rekorder ist schon eine andere Kassette.
„Er hat vergessen, seine Kassette rauszunehmen", sage ich mir, „ich bringe sie ihm zurück." Aber dann überlege ich weiter: „Anhören kann er sie sowieso nicht, weil er nichts hat, worauf, sein Rekorder ist ja bei mir." Also nehme ich schnell seine Kassette heraus und werfe sie in eine Ecke, schiebe die Kassette mit dem Spiel hinein, stelle auf Mono, lade, lausche mit grenzenlosem Vergnügen dem charakteristischen Pfeifen, alles läuft gut, das Spiel ist geladen, das Abenteuer beginnt.
Großes Ereignis: Wir haben einen Computer und Octavian schießt auf alles, was er sieht! Die Freunde kommen zusammen, die Familie, alle stehen hinter mir und verfolgen mit Augen wie Zwiebeln, was im fantastischen verpixelten Universum auf dem Bildschirm geschieht.
Und ich spiele und spiele und spiele, ich schieße bösartige Außerirdische ab, sammle Punkte und Treibstoff, werde zum Experten, verblüffe alle um mich herum, indem ich in die zweite Runde komme und dabei auf die Tasten haue, ohne auf den Bildschirm zu schauen, weil ich das Muster herausgefunden hatte, nach dem die verdammten Außerirdischen vom Himmel fielen. (Onkel Viorel kann das bezeugen, er war bei Weitem der Verblüffteste von meinen Fähigkeiten als intergalaktischer Kämpfer, und ich bin sicher, er erinnert sich bis heute, wie ich sämtliche Invasoren mit dem Rücken zum Fernseher erledigt habe!)
Nach einer Weile werden die Leute müde, jeder geht seiner Wege, nur meine Schwester Aurora bleibt neben mir sitzen und wartet darauf, dass ich auch sie mal ans Töten lasse. Wir spielen abwechselnd ein paar Runden. Irgendwann wird das Spiel zur Routine, fast langweilt es mich. Ich sage zu Aurora: „Du, war da nicht eine Kassette im Rekorder? Wo habe ich sie hingetan? Schau mal nach, lass uns Musik hören, während wir spielen."
Aurora findet die Kassette sofort, schiebt sie in den Rekorder, drückt PLAY und... ooooooooooooooooooohhhhhhhhh, aaaaaaaauuuuuuu, mein Gott!!! Was zum Teufel ist das??? Ein furchtbarer Lärm füllt das Zimmer. „Oje, ich habe dem Nachbarn den Rekorder kaputt gemacht", schießt es mir durch den Kopf. Der Lärm ist gewaltig, er ist unerträglich, er erschüttert jede Zelle in mir, ich habe das Gefühl, die Fenster zerspringen gleich und der Putz fängt an, von den Wänden zu fallen. Aurora ist ein paar Augenblicke wie gelähmt, dann versucht sie, sich mit einer Hand die Ohren zuzuhalten und mit der anderen nach dem STOP-Knopf zu tasten, während ich sie verzweifelt anschreie: „Mach ihn aus!!! Mach ihn aus!!! Mach ihn aus!!!"
Nach einer Ewigkeit findet Aurora den STOP-Knopf. Sie drückt ihn kurz, energisch, fast hysterisch. Stille. Auf einmal ist Stille. Ich kann es nicht glauben. Mein Herz klopft wie verrückt. Die Außerirdischen haben mein Schiff entdeckt und schießen in allgemeiner Hysterie auf mich, aber ich höre sie nicht mehr, ihre Bomben und Laser beeindrucken mich nicht mehr. Perplex starre ich Aurora an und versuche zu begreifen, was zum Teufel gerade passiert ist.
„Ich hab nichts gemacht!!! Schau mich nicht so an!!!", sagt Aurora.
„Ob ich ihn kaputt gemacht habe?", frage ich erschrocken.
„Du wirst schon sehen, was Papa mit dir macht, wenn du ihn kaputt gemacht hast!", antwortet sie und fügt nach einer kurzen Pause hinzu: „Was so ein Kassettenrekorder wohl kostet?"
Ich weiß nicht, was er kostet, aber ich glaube, ich habe mal etwas gehört, das letzte Mal, als ich mit den Jungs über Kassettenrekorder gesprochen habe, als wir uns an der Quelle ausruhten, nachdem wir kaltes Wasser getrunken hatten, obwohl wir vom Fußball noch verschwitzt waren.
„So viel wie ein Motorrad", antworte ich.
„Oje!"
Es ist still. Eine lange Pause.
„Lass es uns noch mal probieren!"
„Ja, aber dreh die Lautstärke runter!"
PLAY. Derselbe schreckliche Lärm kommt aus den Lautsprechern, aber diesmal leiser. Es ist klar: Es ist nicht der Rekorder, es ist die Kassette. Wir haben keine andere Kassette zum Ausprobieren, um sicherzugehen. Aber der Rekorder scheint in Ordnung.
„Dreh sie um!"
Sie dreht sie um.
PLAY. Musik. Muuuuuuuuuuuusiiiiiik!!! Endlich! Man hört Musik.
„Mach lauter!"
„Puh, hab ich mich erschrocken!"
„Ich auch!"
„Ja, ich noch mehr!"
Der Rekorder ist in Ordnung, die Kassette ist in Ordnung, wir beruhigen uns, wir hören Musik.
Aber was für eine seltsame Musik... So etwas habe ich in meinem Leben noch nie gehört. Was für eine Musik ist das? Ich schaue Aurora an. Sie schaut mich an. Wir hören zu. Die Musik fließt ruhig dahin, ganz ruhig. Sie gefällt mir. Glaube ich. Ich bin mir nicht sicher. Ich bin mir nicht sicher, weil ich so etwas in meinem Leben noch nie gehört habe. So ruhig. Ruhig, aber auf eine seltsame Art... Obwohl sie ruhig fließt... beruhigt sie mich nicht, im Gegenteil! Statt mich einzuschläfern oder mich mit offenen Augen träumen zu lassen, wie es sonst geschieht, weckt sie mich auf. Sie lässt mich wacher fühlen als je zuvor. Sie ist beruhigend und beunruhigend zugleich. Was um alles in der Welt ist das für eine Musik?
Und was für eine seltsame Stimme dieser Typ hat! Man könnte meinen, es wäre ein Lied aus einem Cowboyfilm, aber die sind auch anders, normaler, nicht wie das hier. Ist das eine Gitarre? Sie klingt so seltsam, ich habe keine Ahnung, was das ist. Ich schaue Aurora an, aber in ihren Augen sehe ich nur dieselben Fragezeichen. Keiner von uns sagt ein Wort. Wir sind in Trance. Als hätte uns der Schnellzug erwischt. Und die Musik fließt ruhig weiter. Dann ist das Lied zu Ende. Es ist still. Wir schauen uns mit großen Augen an.
Ich will gerade etwas sagen, da plötzlich... Grauen! Der furchtbare Lärm von vorhin bricht wieder aus den Lautsprechern. Oje! Aurora reagiert blitzschnell, wie ein Reptil, und schlägt so fest auf den STOP-Knopf, dass er mit einem einzigen Druck auch zu EJECT wird.
„Spul zurück!", sage ich ihr, aber es ist nicht mehr nötig: Aurora hat die Knöpfe gelernt und das Band läuft schon zurück. Was auch immer diese tolle Musik von vorhin war, sie war zu schnell vorbei, als dass ich sie hätte einordnen, in eine der Schubladen in meinem Kopf hätte stecken können – vielleicht unter „Unterhaltungsmusik", schwerer zu glauben unter „Volksmusik", vielleicht unter „Country", keine Ahnung. Sie passt nirgendwo hin.
PLAY. Lärm. Schreck. Grauen.
„Du hast falsch gespult! Du hast vorgespult!"
„Nein, ich habe richtig gespult!"
„Dann hast du zu weit gespult! Mach leiser!"
Wir suchen verzweifelt. Diese Kassette ist voller Mist. Vielleicht ist sie entmagnetisiert. Oder so etwas. Es ist nur ein einziges Lied drauf. Wo ist es? Vielleicht finden wir es wieder auf der anderen Seite... Nein, nein, hier muss es sein. Wir finden es, wir hören es noch einmal. Gott, ist das schön. So gut habe ich mich in meinem Leben noch nie gefühlt! Nicht, als mir mein Vater das Fahrrad gekauft hat, nicht, als mich mein Vater den Dacia übers Feld fahren ließ, draußen auf dem Land, nachdem wir den Mais abgeerntet hatten, nicht, als ich vor zwei Sommern am Meer die nette Rothaarige aus Oradea an den Brüsten hatte.
„Spiel es noch mal!", sage ich wieder zu Aurora, obwohl es nicht mehr nötig ist. Aurora ist Expertin: Sie spult zurück, dreht leise, hört genau hin, wo dieser furchtbare Lärm aufhört – ein Lärm, in dem wir schon angefangen haben, so etwas wie unmenschliche Schreie zu unterscheiden und rhythmische Geräusche, die zwar nach Musik klingen, aber unmöglich Musik sein können, das ist klar – oder vielleicht war es einmal Musik, aber mit dem Band ist an dieser Stelle etwas passiert, kein menschliches Wesen könnte so etwas absichtlich aufnehmen.
Wir hören endlos und werden nicht satt. Irgendwann ist das Wochenende zu Ende und wir müssen zurück zur Schule.
Wir fahren zurück zur Schule. Unterwegs versuche ich, das Lied zu summen, das mir jedes Haar auf dem Kopf, an den Armen, an den Beinen und am Rest meiner irdischen Besitztümer aufgestellt hat. Es gelingt mir überhaupt nicht. Ich erinnere mich nicht einmal an zwei aufeinanderfolgende Töne. Ich habe das vage Gefühl, das Lied ist in mir, aber ich kann es auf keine Weise wiedergeben. Ich kann es nicht pfeifen, ich kann es nicht summen, ich habe kein einziges Wort davon behalten. Ich kann ein bisschen Englisch, aber aus dieser seltsamen Art zu singen habe ich nichts verstanden und nichts behalten.
„Aurora, wie ging das Lied?"
Aurora kann irgendetwas summen, irgendetwas – sie hat ein besseres musikalisches Gedächtnis als ich –, aber auch sie ist weit davon entfernt. Obwohl auch sie genau das fühlt, was ich fühle: dass ihr das Lied laut im Kopf klingt.
Wir kommen in der Schule an. Wir wohnen beide im Internat, weit weg von den Eltern. Die Zimmer der Internatsschüler sind im zweiten Stock, an einem gemeinsamen Flur, der von einer Spanplattenwand in zwei geteilt wird.
Im Internat wartet mein Zimmergenosse auf mich, ein besonderer Charakter: Cosmin. Cosmin Butnar. Wir nannten ihn liebevoll „Butnărel". (Cosmin, falls du das jemals liest, sei so gut und melde dich, denn ich vermisse dich sehr und habe keine Ahnung, wo du steckst!)
Cosmin ist ein Jahr älter als ich, er hat eine Freundin, mit der er schon seit zwei Sommern zusammen ist, ein wirklich tolles Mädchen, von der er unzertrennlich war, seit wir uns im Ferienlager am Meer kennengelernt hatten, ohne zu ahnen, dass wir zwei Jahre später Zimmergenossen und gute Freunde sein würden. Cosmin hat einen schönen, jungfräulichen Schnurrbart, den er nie rasiert hat, seit ihm im Gesicht Haare zu wachsen begannen. Ich habe drei Haare unter der Nase, die ich beim besten Willen nicht Schnurrbart nennen kann. Ich bin ein Bengel. In Cosmin sieht man schon deutlich den künftigen Mann.
Cosmin ist herumgekommen und hat einiges erlebt. Er hat einen kleinen Sprung in der Schüssel, aber er ist gut in Mathe und Physik (sein Physiklehrer, und meiner, heißt Miron; wir nannten ihn liebevoll „Mironel"). Cosmin ist unschlagbar in Trigonometrie und versteht nicht, warum manche sie schwer finden. Und vor allem ist Cosmin eine wandelnde Musikenzyklopädie. Er hat einen Kassettenrekorder, er hat Kassetten, er kennt Hunderte von Bands, wenn nicht Tausende, und ist immer auf dem Laufenden. Ich bin nicht so. Ich bin ein Ignorant. Mir gefällt die Musik von den Tonbändern, die ich zu Hause mit meinem Vater höre, der Rest lässt mich mehr oder weniger kalt.
Mir gefallen Iris und Compact, ich kann ihre Texte auswendig und summe sie ständig vor mich hin, zum Beispiel, wenn ich mit meinem Vater Holz für den Winter hacke. Mein Vater fragt mich ab und zu: „Sag mal, Junge, hast du eine Enttäuschung in der Liebe erlebt? Oder was ist los mit dir, dass du nur solche traurigen Lieder singst!" Liebe? Haha, was für ein kühner Gedanke. Ich habe keine Ahnung, was Liebe ist, das ist so eine Sache aus Filmen, bei denen ich einschlafe, aber diese traurigen Lieder liebe ich abgöttisch. Aber ausländische Bands... außer Deep Purple kenne ich sie nicht und sie interessieren mich auch nicht. Die Jungs, die ausländische Bands hören, verstehe ich eigentlich auch nicht so recht, aber das macht nichts: Wichtig ist, dass wir uns beim Fußball gut verstehen.
Aber dieses Lied bringt mich um. Ich muss UN-BE-DINGT herausfinden, wer da singt, wie der Sänger oder die Band heißt und worum es in dem Lied geht! Also brenne ich darauf, Cosmin zu treffen. Kaum habe ich ausgepackt, kommt die erste Frage: „Cosmin, kennst du dieses Lied?" – und ich versuche, ihm etwas vorzusummen. Er kapiert es schwer, ich summe schief, aber irgendwann sagt er: „Ich bin nicht sicher, aber ich glaube, das ist von Metallica."
„Metallica????"
Ich schaue ihn ungläubig an. Nein, nein, nein, was redest du für einen Unsinn, du hast nicht richtig hingehört, ich summe es dir noch mal vor: „Naaa naa na naaaa na naaaaa!"
„Doch, Mann, das ist Metallica. Nothing Else Matters heißt das Stück."
„Mann, Cosmin, wie soll das Metallica sein? Metallica ist eine Band? Metallica ist doch irgendeine Sekte, oder?"
„Nein, Mann, du bist blöd, Metallica ist eine Band."
„Mann, ich glaube dir nicht."
„Deine Sache. Ich habe einen Kumpel, der die Kassette hat, ich frage ihn morgen danach und zeige es dir."
Am nächsten Tag hören wir beide Nothing Else Matters. Ihm gefällt es genauso gut. Ich kämpfe immer noch damit, die Tatsache zu akzeptieren, dass Metallica eine Band ist, ich versuche mir vorzustellen, wie viele es sind, wie sie aussehen, ich bin auf einmal verdammt neugierig, was zum Teufel es mit diesem Metallica auf sich hat, und vor allem, was diese entsetzlichen Schreie auf dem Rest der Kassette sollen. Ein schrecklicher Gedanke schleicht um mich herum: „Ob die wohl Absicht sind?"
„Ja, Mann, natürlich sind die Absicht, so singen die eben!"
Jetzt habe ich verdammte Angst. Worauf habe ich mich da eingelassen? Morgen oder übermorgen schreibe ich womöglich selber Metallica mit Kohle an die Schulmauern und tue mich mit den Langhaarigen und Ungewaschenen zusammen. Und trotzdem bin ich verdammt neugierig.
Cosmin fährt am nächsten Wochenende zu einem Motorradtreffen. Mir gefallen Motorräder; als ich klein war, habe ich geweint, wenn mich mein Vater vom Motorrad heruntergeholt hat, ich saß gern darauf und schäumte in eingebildeten Kurven zwischen den Hühnern im Hof meiner Großmutter.
Cosmin hat ein paar Motorradfreunde, die alles über Metallica wissen, und er wird sie fragen, ob sie ihnen gefallen, ob sie eine gute Band sind oder irgendeine Sekte, die seltsame Musik macht, um ihre Opfer unter den psychisch Labilen aus zerrütteten Familien zu rekrutieren – in welchem Fall ich mich vor ihnen hüten würde wie vor dem Feuer, da ich ein Kind mit gesunder Psyche bin, mit einer glücklichen Kindheit, aus einer Familie voller Liebe, Verständnis und gegenseitigem Respekt, in der mein Vater sich nicht betrinkt und meine Mutter schlägt, sondern nur „einen sitzen hat", zu Scherzen aufgelegt ist und über alles lächelt –, oder ob sie tatsächlich, ganz einfach, eine Musikband sind, die auch wir hören können, ohne bei jeder Strophe von allerlei Gefahren belauert zu werden.
In der folgenden Woche ist Cosmin natürlich, Sonntagabend im Internat, Priorität Nummer eins. Und Cosmin erzählt mir:
„Ich war in so einer großen Gruppe von Motorradfahrern, die über alles Mögliche geredet haben. Und dann kam die Musik zur Sprache. Die kannten Bandnamen, von denen ich mein Lebtag nichts gehört habe. Aber sie redeten vor allem über Iron Maiden, Judas Priest, Megadeth, W.A.S.P., und jeder sagte, seine Band sei die beste."
„Und über Metallica???"
„Wart doch, ich erzähl es dir!"
„Dann erzähl schon!"
„Über Metallica hat keiner ein Wort gesagt."
„Ach komm, das gibt's doch nicht!!!"
„Ich schwör's!!!"
„Gar nichts?"
„Wart doch, ich erzähl es dir!"
„Und du hast nichts gefragt?"
„Wart doch, Mann, ich erzähl es dir!"
„Dann erzähl endlich!"
„Also sitze ich eine Weile da, sehe, dass keiner ein Wort über Metallica sagt, ich setze mich neben einen, der mir irgendwie sympathischer war, und frage ihn leise: ‚Du, sag mal... Metallica... magst du die?', worauf der Typ mich anschaut, lächelt und sagt: ‚Wer mag Metallica nicht?'"
Und das war's. Das war das Ende unserer Sorgen. Vor allem meiner – Cosmin machte sich nicht so viele Gedanken. An diesem Abend beschlossen wir beide stillschweigend, dass wir alles herausfinden müssen, was es über Metallica herauszufinden gibt.
Ich hatte zwei große Fragen:
1. Wie ist es möglich, so ein Lied wie Nothing Else Matters zu machen – eines, das einen umhaut, das einem die Adern umdreht, das einen schweben und sich selbst vergessen lässt, das einen weinen und lachen lässt zugleich, von dem man nie genug bekommt, so oft man es auch hört; eines, das, wenn man es nach einer Woche wieder hört, in der man es nicht gehört hat, so frisch wirkt, so neu, so voller Überraschungen, als würde man es zum ersten Mal im Leben hören; in dem man bei jedem Hören eine neue Harmonie entdeckt, eine neue kleine Melodie, ein Klimpern, einen Rhythmus, den man, obwohl man das Lied schon hunderte oder tausende Male gehört hat, noch nicht bemerkt hatte?
2. Wie ist es möglich, dass ein Typ oder eine Band, die so viel Feingefühl beweist, derselbe Typ oder dieselbe Band ist, die eine Stunde lang unaufhörlich brüllt, ohne die geringste Spur von Harmonie oder Musikalität, die einfach einen höllischen Lärm macht und diese unmenschlichen Schreie produziert? Und wenn der Typ, der Nothing Else Matters singt, derselbe ist, der brüllt, was um alles in der Welt kann ihm zugestoßen sein, was für furchtbare Erfahrungen muss er gemacht haben, dass er imstande ist, so zu brüllen, als würde ihn gerade jemand bei lebendigem Leib häuten? Wie viel Schmerz steckt in seinen Schreien und woher kommt er, denn vor Vergnügen schreit er ganz sicher nicht? Und was um alles in der Welt erhofft er sich davon, warum schreit er nicht irgendwo im Wald, wo ihn niemand hört? Und was finden die Motorradfahrer und die anderen Sonderlinge – die ich zwar nicht verstehe, aber, das gebe ich zu, insgeheim ein wenig bewundere –, was finden sie an dieser „Musik" gut oder angenehm, wenn ich sie denn Musik nennen darf? Oder besser gesagt: Wie bringen sie es fertig, eine Stunde Gebrüll und Gebrumm anzuhören, ohne Ohrstöpsel und ohne den Kassettenrekorder auf den Boden zu schmettern?
Ein Jahr und einen Sommer später war ich wieder mit Cosmin im Internat. In der Zwischenzeit hatte ich das Black Album zehn- bis zwanzigmal am Tag gehört. Ich hatte meine eigene Kassette und hörte sie nachts im Internat. Während die anderen schliefen, hörte ich über Kopfhörer, auf von Mitschülern geliehenen Walkmans.
Die Kassette hatte ich... unglaublich... von meiner Großmutter. Als ich in den Sommerferien mit ihr über den Markt spazierte, blieb ich vor einem Stand mit Musikkassetten stehen. Gelangweilt überflog ich Titel wie „Albatros", „Hochzeitslieder", „Lieder zur guten Laune" – und erstarrte auf einmal, als ich auf dem Rücken einer Kassette sah: Metallica. Ich wäre fast in Ohnmacht gefallen. Metallica? Auf dem Markt? Ich nehme sie in die Hand, drehe sie nach allen Seiten. Statt eines Titels oder eines Albumcovers war da nur ein Schwarz-Weiß-Foto. Dieses:
Die ganzen Sommerferien lang terrorisierte ich der Reihe nach die Nachbarn und bettelte sie an, mich meine Kassette auf ihren Rekordern hören zu lassen. Die Leute redeten über mich. Ich benahm mich seltsam. Ich kam in ihr Haus, sagte zwei Worte, setzte mich neben den Kassettenrekorder und blieb dort, bis es Nacht wurde oder bis meine Großmutter mich holen kam.
In diesem Sommer ging mir das Black Album ins Blut über. Jeden Tag entdeckte ich etwas Neues. Und die Überraschungen gefielen mir ungemein: mal ein Trommelschlag, mal ein Schrei, der sich bis dahin hinter der großen Trommel versteckt hatte, mal ein Gitarrentriller, den man nur in der linken Box hörte und der mich meinem Vater zutiefst dankbar machte, dass er mich nächtelang am Tonbandgerät festgehalten und mir beigebracht hatte, was der Unterschied zwischen Mono und Stereo ist.
Jedes Mal, wenn ich etwas Neues entdeckte, sprang ich vor Freude in die Luft, hielt den Rekorder an, spulte zurück und hörte nur diesen einen Abschnitt noch einmal. Ich hörte ihn, bis ich sicher war, dass sich nichts mehr daneben versteckte, dass ich alles gehört hatte, was es zu hören gab, dass ich jeden Tropfen Musik aus dieser armseligen Kassette herausgepresst hatte.
„Pass auf, du machst ihn kaputt, wenn du so an den Knöpfen herumspielst", sagte der eine oder andere zu mir, während ich mir in den Bart schwor, dass ich das Geld für die Hörnchen zurücklegen und mir einen Kassettenrekorder kaufen würde. „Knöpfe sind zum Drücken da, sie gehen kaputt, wenn man sie nicht drückt!", antwortete ich und schaute zu, wie sie sich in den Kragen spuckten, sich dreimal bekreuzigten und ihrer Wege gingen.
Zurück im Internat, erstes Trimester, zehnte Klasse. Zur Verzweiflung meines Vaters... gebe ich keine Ruhe, bis ich meine Reghin-Gitarre mit den Nylonsaiten mitnehmen darf, die ich mit 6 Jahren geschenkt bekommen hatte und auf der sich hinter dem Schrank ungefähr seit meinem sechsten Geburtstag plus zwei Wochen der Staub sammelte – mit einer kurzen Unterbrechung in der fünften Klasse, als ich in den „Gitarrenclub" eintrat und lernte, „Oda Partidului" in a-Moll zu spielen.
Einmal mit der Gitarre im Internat angekommen, komme ich zur Verzweiflung der Erzieherin nicht mehr aus den Duschen heraus (wo ich niemanden störte), bis ich die drei Töne gefunden habe, mit denen das Erkennungsriff von The Unforgiven beginnt.
Ein paar Wochen später bekomme ich von Miki das Album Kill 'Em All geschenkt. Ich verdaue es glatt in einer Woche und merke, dass ich mir ziemlich viele Passagen daraus relativ leicht merken kann, die ich danach vor mich hin summe, was immer ich tue, wohin immer ich gehe.
Ich fange an, die Töne auf der Gitarre zu suchen, und finde immer mehr davon, immer leichter. Bei Motorbreath staune ich, wie gut zwei verschiedene Riffs zusammenpassen, die (nach meinem damaligen Verstand) eigentlich nichts miteinander zu tun haben.
Dann finde ich bei Mitschülern eine Fotokopie von einem Auszug aus einer westlichen Musikzeitschrift, auf Englisch, auf der ein Abschnitt der Noten des Stücks Jump in the Fire abgedruckt ist. Ich sitze ein paar Nächte in den Duschen, mit Musikbüchern, die ich mir von meinen Internatskameraden aus der fünften bis achten Klasse geliehen habe, und lerne das Hauptriff.
Es geht schwer, aber zum ersten Mal in meinem Leben habe ich die Gewissheit, dass das, was ich auf der Gitarre mache, richtig ist. Die nächste Herausforderung ist allerdings noch größer: gleichzeitig auch den Text zu singen. Es dauert etwa sechs Monate, und ich schaffe es nie, ihn wirklich zu singen, aber ich schaffe es, ihn einigermaßen zu nuscheln. Gut genug, um meine Mitschüler zu überzeugen, dass ich für immer verloren bin, ohne Aussicht auf Rettung.
Dann kommt Ride the Lightning, geliehen von Mishu, ohne Pause verschlungen. Master of Puppets und ...And Justice for All setzen allem die Krone auf. Als ich glaubte, ich hätte alles, was Metallica je herausgebracht hat, leiht mir jemand Garage Inc., ihr Coveralbum. Es gefällt mir fast besser als die Originalalben. Helpless hält mich Nacht für Nacht wach, wochenlang:
I can see the stars
But I can't see what's going on
Every night alone
I sing my song just for fun.
Only time will tell
If I'll make it myself someday
This stage is mine
Music is my destiny.
Cannot squeeze the life from me!
Helpless
Helpless
Helpless
Helpless
Und Crash Course in Brain Surgery machte mir in jeder Lebenslage Lust auf das Leben:
Look inside and you will see
The words are cutting deep inside my brain
Thunder burning, quickly turning
Knife of words is driving me insane
Insane, yeah
Raven black is on my track
He shows me how to neutralize the knife
Show to me in surgery
The art of fighting words to conquer life
Conquer life, yeah
...............
„The art of fighting words to conquer life" – das war wahrscheinlich mein Leitspruch in der Oberstufe.
Ein theoretisches Lyzeum übrigens, das ich passabel abgeschlossen habe, also weit unter den Erwartungen meines Vaters. Zwei Wochen nach dem Abitur bin ich kränker als je zuvor. Wenn ich das Wort „Metallica" höre, zucke ich zusammen. Wenn ich Metallica im Fernsehen höre, lasse ich fallen, was ich in der Hand habe, und stürme los, über Leichen, durch Türen, Wände und Fenster, in das Zimmer mit dem Fernseher, um das Video zu sehen. Wenn jemand umschaltet, gibt es Krieg.
Das Lyzeum habe ich beendet, aber ich selbst bin unbeendet. Ich kann nichts anfangen, und selbst wenn ich könnte... wüsste ich nicht, was. Ich habe den Mathe-Physik-Zweig gemacht, aber nachdem ich MATHEMATIK mit den Haken von METALLICA an sämtliche Wände und auf sämtliche Mathehefte und Mathebücher geschrieben habe (meine und die meiner Mitschüler), nimmt mich sowieso keiner mehr ernst.
(Nur die Klassenlehrerin, aber auch die nur so lange, wie sie brauchte, um mir das Klassenbuch über den Kopf zu ziehen, danach vergaß auch sie mich. Übrigens, vor lauter Aufregung... ist mir in genau dem Moment, als mir die Klassenlehrerin das Klassenbuch über den Kopf zog, ein Furz entwischt. Man hat ihn nicht gehört, weil der Knall des Klassenbuchs viel lauter war, aber falls ihr euch noch erinnert, liebe Mitschüler, an diesen Geruch, von dem keiner wusste, woher er kam: Der kam von meinem Furz! Und ich konnte nichts dafür, denn ich hätte ihn noch zurückhalten können, wenn mir die Klassenlehrerin nicht das Klassenbuch über den Kopf gezogen hätte!)
Also fahre ich zwei Wochen nach dem Abitur mit meinem Vater in den Wald, Himbeeren pflücken. Der Vater in Sorge, dass der Sprössling auf Abwege geraten ist; der Sprössling in Sorge, dass er an akuter Farbenblindheit leidet und die roten Himbeeren zwischen den grünen Blättern schlicht nicht sieht. „Da ist sie doch, Mensch, siehst du sie nicht!!??!!", „Wo denn, Papa?", „Direkt vor deiner Nase!!!"
Ich sehe sie nicht und fertig. Zum Teufel mit den Himbeeren. Wir haben sowieso... Wichtigeres zu besprechen. Zum Beispiel, was ich vorhabe, jetzt, wo ich das Abitur habe.
„Wie, was ich vorhabe?"
Irgendwie... wie in Forrest Gump:
Jenny: Do you ever dream, Forrest, about who you're gonna be?
Forrest Gump: Who I'm gonna be?
Jenny: Yeah.
Forrest Gump: Well, ain't I going to be me?
Ich hatte nichts vor, außer den Himbeeren zu sagen, wo sie hinkönnen, da ich sie sowieso nicht sah, und nach Hause zu gehen, um Gitarre zu spielen – denn inzwischen hatte ich das Riff von The Four Horsemen gelernt und es gefiel mir bis zum Wahnsinn. Wenn ich es drei Tage ohne Pause spielen könnte, bräuchte ich drei Tage ohne Pause weder Wasser noch Essen. Aber leider musste ich ab und zu die unsichtbaren Himbeeren pflücken gehen.
Und so, an einem sonnigen Tag, beim Himbeerenpflücken, während wir die Welt neu ordneten, während ich mit meinem Vater über meine ungewisse Zukunft sprach und ihm zuhörte, wie er mir sagte, ich könne mit meinem Leben machen, was ich wolle, aber ich hätte keine Chance, wenn ich nicht studieren gehe, während wir über verschiedene Studienfächer sprachen und ich erfuhr, dass Geschichte mich „langweilt", Wirtschaft mir „zuwider ist" und in der Informatik die Konkurrenz zu groß ist... da rief mein Vater am Ende seiner Geduld mit sehr viel Grimm aus:
„Metallica kann man nicht studieren!!!"
...und schleuderte dann den Eimer zu Boden, wobei er eine Menge unsichtbarer, aber sehr schmackhafter Himbeeren verstreute.
Nachdem dieser Punkt geklärt war, wurde mir auf einmal völlig klar, dass ich irgendetwas tun musste, egal was, das mir erlauben würde, Metallica weiterhin leidenschaftlich zu studieren, im Fernstudium.
Im Fernstudium, ohne Professoren, ohne Kommilitonen, ohne Prüfungen und ohne Diplom. Weshalb ich von damals bis zum heutigen Tag mein Studium noch immer nicht abgeschlossen habe, obwohl ich jeden Tag eifrig studiere.
Inzwischen hat sich vieles geändert: Ich spare nicht mehr am Essen, um mir CDs und DVDs zu kaufen, sondern um mir Noten zu kaufen, die ich nur lese, um mich zu vergewissern, dass ich richtig gehört habe, was ich damals gehört habe, als ich in den Duschen oder auf dem Klo saß, mit der Gitarre und meinem International-Kassettenrekorder im Arm, vor und zurück spulend, bis die Knöpfe aus dem Rekorder heraussprangen (er geht wirklich kaputt, wenn man sie zu oft drückt!), Ton für Ton lernend, Lied für Lied, Album für Album.
Inzwischen habe ich sie viermal live gesehen, und beim letzten Mal stand ich zwei Meter von ihnen entfernt. Auf dem Markt heißt es, dass ich sie dieses Jahr (fast) an meinem Geburtstag zum fünften Mal sehen werde. (Guinness, anyone?)
Alles, was mir noch fehlt, um mein Studium abzuschließen, ist ein bisschen Glück und zwei, drei Kommilitonen, mit denen ich zusammen an meiner Diplomarbeit arbeiten kann. Leider habe ich in dieser Stadt nicht das geringste Glück, also denke ich, dass ich in naher Zukunft in eine andere Stadt umziehen werde. Aber aufgeben werde ich nicht. Nein, nein! Nicht die geringste Chance!